Stromversorgung

GrößeWert für ParaguayWert für Deutschland
Spannung220Veff230Veff
Frequenz50+1/−3Hz50±0,02Hz
FormSinusSinus
Verfügbarkeit8099%99,99%

Tab. 1: Nominelle Werte des paraguayischen Stromnetzes im Vergleich zum deutschen.

Elektrischer Strom ist für uns Mitteleuropäer so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Es kommt höchst selten vor, daß er einmal ausfällt – und wenn, so kommt er nach höchstens einer Stunde wieder. In Paraguay fällt er (speziell auf dem Land) sehr viel häufiger aus. Waren in den 80ern und 90ern wöchentlich noch mehrere stunden und tagelange Ausfälle üblich, so hat sich doch einiges getan. 2011 muß man trotzdem noch immer mit einigen Ausfällen pro Monat rechnen. Dann gibt es keine Kühlung, kein Wasser (außer, wer ihn hat, aus einem Wassertank), kein Amt für Festnetz und kein Netz für Mobiltelefone, kein Licht usw..

Der schlechte Zustand der Stromleitungen (allesamt oberirdisch) ist Prinzip. Der „Elektriker“, von der staatlichen Stromversorgungsgesellschaft ANDE beschäftigt, hat kein Interesse daran, sich seine Stelle wegzurationalisieren und wird deshalb alle „Reparaturen“ nur provisorisch ausführen. Der nächste Ausfall ist damit sichergestellt. Außerdem hat er es ja nicht anders gelernt und die Mentalität in Paraguay hat schon immer nach dem Motto un provisorio para siempre funktioniert.

Die in Paraguay üblichen zweipoligen Steckdosen sind ein weiteres Übel. Sie haben keinen Schutzkontakt und sind somit eine der Ursachen für Stromunfälle. Der Durchmesser der Kontakte ist so klein, daß man Adapter nutzen muß, um SchukoStecker verwenden zu können. Leider ist nun deren Kontaktdurchmesser für EuroStecker zu groß, der Federweg also zu klein. EuroStecker schlackern darin, bekommen keinen guten Kontakt und brennen deren Oberfläche ab. Der Übergangswiderstand steigt damit so stark an, daß Zimmerbrände entstehen können! Eine Erdung besteht mit diesen Adaptern auch nicht – dumm bei Geräten der Schutzklasse I. So ein Gerät ist z.B. eine Waschmaschine. Deren Gehäuse ist über zwei Kondensatoren auf die halbe Netzspannung gelegt. Wer jetzt die Waschmaschine anpackt (wo die Lackierung abgenutzt ist), hängt an diesen 110V!

Eine weitere Unfallgefahr bildet die normalerweise allein vorhandene Haussicherung von z.B. 30A. Es gibt keine Einzelabsicherung oder FISchalter, wenn man nicht selbst welche einbaut. Dies ist genau wie in Deutschland – nur ist hierzulande die Installation vorgeschrieben. Ein Sicherungskasten ist gerade auf dem Land auch nur selten anzutreffen. Da wird die Haussicherung nur in ein verbogenes und verrostetes Blechgehäuse eingebaut. Also auf deutsches Elektroinstallationsmaterial achten und keine Geräte mit flachen Kontakten kaufen! Im schlimmsten Fall kann man diese Stecker immer noch abschneiden und Schuko oder EuroStecker dranbauen, sofern man welche vorrätig hat.

Schuko-Steckdosen-Aufkleber

Abb. 1: Dies ist ein Muster für die beiden zu erstellenden Aufkleber. In dieser RARDatei finden Sie die einzelnen Komponenten – Innen und Außenaufkleber, die Kombination daraus und von allem noch die GIMPQuellen als XCFDateien. Ich habe erstmal die üblichen Systemabdeckungen der Steckdosen von 57×57mm angesetzt. Wer’s schöner oder anders will, muß sich selbst ’ransetzen. Erst, wer in Paraguay ist, weiß, ob diese Aufkleber nötig sind. Ich empfehle einen LASERAusdruck auf Etiketten oder klare/rote Selbstklebefolie, da dieser ggü. einem Tintenstrahlausdruck länger haltbar ist. Dateigröße: ca. 101kB.

Auch ist es in Mietwohnungen sinnvoll, wenigstens die vorhandenen zweipoligen gegen Schukosteckdosen auszutauschen. Da logischerweise auch die Verkabelung mitgetauscht werden sollte (sonst bleibt nur der Vorteil des sicheren Kontaktes), wird man sich glücklichschätzen, wenn diese zumindest in Leerrohren verlegt wurde. Leider ist dies in den seltensten Fällen gegeben. Schon wieder einmal sparte der Häuslebauer an der verkehrten Stelle, denn Leerrohre sind sehr günstig.

Diesen Umstand findet man aber auch in Deutschland leider oft an! Der lächerliche Euro pro Meter bei 32mm Ø (oder 0,50€/m, wem 20mm Ø genügen) machen hier den Unterschied zwischen z.B. einer Stunde Arbeit aus oder zwölf! Im einen Fall braucht man bloß die neue Leitung an die alte angebunden durchziehen, im anderen muß die ganze Wand aufgefräst werden. Über eine finanzielle Einigung mit dem Vermieter bleiben die Kosten vielleicht nicht völlig am Mieter hängen.

Übrigens: Auch, wenn es in Paraguay keine greifenden Sicherheitsbestimmungen bei Elektroinstallationen gibt, ist die schutzleiterfreie Nutzung von Schukosteckdosen prinzipiell sinnwidrig und damit wegen Verwechslungsgefahr hochgradig gefährlich! Als Mindestmaßnahme schlage ich einen nicht ablösbaren knallroten Aufkleber auf der vertieften Fläche und am Rand der Steckdose vor mit Beschriftung „ACHTUNG: Kein Schutzleiter! CUIDADO: ¡No hay conductor de tierra!“. Leider erfordert dieses Vorgehen immer noch grundlegendes Verständnis für die Belange der Elektrotechnik beim Nutzer eines Gerätes – und der muß nicht zwingend über diese Kenntnisse verfügen. Kommt es zu einem Unfall, wer haftet dann?

Paraguay verwendet das auch in Europa üblich gewesene 220VNetz mit 50Hz. Wir haben ja schon vor Jahren auf 230V umgestellt, um einen Kompromiß mit den in Großbritannien üblich gewesenen 240V zu erzielen. Bedauerlicherweise kommt es bei den ständigen Spannungsschwankungen (grob 160240V, je nach Standort meist 210220V) auch zu leichten Netzfrequenzschwankungen. Man sollte als Rahmen 4751Hz einplanen (aktualisiert: 6/2014). Die meisten Geräte kommen damit sehr gut klar, besonders natürlich die mit Schaltnetzteil. Allein bei starken Verbrauchern wie Synchronmotoren ohne Vorschaltgerät wird bei zu niedriger Frequenz nicht die volle Geschwindigkeit erreicht und auch nicht das volle Drehmoment.

Glücklicherweise sind die Zeiten von langwährenden Phasen vorbei, in denen nur noch 160V an der Steckdose ankommen. Das war hauptsächlich dann der Fall, wenn irgendwo auf dem Weg zwischen dem Generator in Itaipu (Guaraní, etwa „singender Felsen“) und dem Landesinneren ein Kurzer durch Regenwetter oder Blitzschlag das Netz halb lahmlegte. Sehr schön zu beobachten war, wie Glühlampen nur noch dunkelrot glommen, um Sekunden später wieder aufzustrahlen. Da hat sich der Kurzschluß ausgebrannt. In Deutschland hat es seit wenigstens 50 Jahren keine solchen Zustände gegeben, weswegen sich kaum jemand Gedanken drum macht oder sich die Situation vorstellen kann. Es ist einfach ein Schauspiel!

Umstieg auf die brasilianische Norm?

Der SchukoStandard wurde in Deutschland von Albert Büttner 1925 erfunden. Seine Vorzüge sind bis heute:

  • hohe Spannungs und Stromfestigkeit
  • unter Last steckbar
  • mechanisch stabil
  • voreilender Schutzkontakt
  • bedingt spritzwassergeschützt
  • eingeschränkt kindersicher

Damit wird klar, daß sich das SchukoSystem in fast ganz Europa durchgesetzt hat. Auch die EuroFlachstecker lassen sich in den Schukosteckdosen problemlos nutzen. Man hat das SchukoSteckdosensystem 1963 nachträglich zur CEE 7/4 genormt. Das französische System CEE 7/7 ist eine Modifikation des deutschen Schukosystems, wobei die Erdung in der Steckdose als herausragender Stift am Dosenboden erscheint (offenbar aus Kompatibilitätsgründen zu deren bisheriger Norm). Mit speziellen Winkelsteckern, die sowohl die flachen Streifen, als auch eine federkontaktierte Aufnahme für den Erdungsstift besitzen, kann man solch ausgestattete Geräte auch im französischen Elektronetz nutzen.

Im Verlauf der Jahrzehnte hat sich die Materialtechnologie allerdings stark verbessert, sodaß der Schukostecker recht klobig und deshalb platzfordernd wirkt. Wahrscheinlich aus dem Grund heraus, noch einmal 25 Eurocent pro Gerät einsparen zu können, drängte man auf Verpolungssicherheit, sodaß eine klar definierte Zuordnung von Phase und Null bis ins Gerät besteht und deshalb nur ein ein statt ein zweipoliger Netzschalter notwendig würde.

Der erste Grund zur Änderung eines seit 91 Jahren bestehenden (und bewährten!) Steckdosensystems reicht nicht aus, der zweite Grund bringt erst bei vollständiger Korrektur aller Elektronetze in allen Haushalten in Europa und nur bei Klasse1Geräten einen geringen Vorteil. Allein die Möglichkeit zur Standardisierung aller weltweit genutzten Stromsteckverbindersysteme kann hier als Argument gelten. Dafür wurde 1986 von der IEC die Norm 60906–1 geschaffen. In Europa hat sie allerdings keinerlei Bedeutung erlangt.

Brasilien hat seine alten, ausgedienten Steckverbinder endlich in Rente geschickt. In mehreren Etappen (2007 bis 2010) wurde ein neues eingeführt, das ähnlich, aber eben nicht identisch zu IEC 60906–1 ist. Warum muß es schon wieder eine Sonderlösung sein? Wenn ein wesentlicher Grund für den Umstieg die weltweite Standardisierung ist, so muß man sich solche Insellösungen verkneifen! Die Dosen der Norm NBR 14136 – von der ABNT normiert – nehmen problemlos Eurostecker auf, Schukostecker aber passen logischerweise nicht.

Nun ergibt sich für Neuinstallationen in Paraguay die Qual der Wahl bei der Steckdosennorm. Das paraguayische scheidet klar aus, da ihm die Erdung fehlt. Das deutsche bietet sich dagegen klar an, da es sich aus oben genannten Gründen seit nunmehr 91 Jahren in Deutschland und seit zig Jahren in Europa durchgesetzt hat. Die beiden vorgenannten Gründe, weswegen es veraltet sein soll, greifen in Paraguay sowieso nicht. Allein die Beschaffung von Steckdosen und Geräten nach brasilianischer Norm könnte als Gegenargument gelten.

Jeder muß für sich entscheiden, welchem Steckersystem er den Zuschlag geben will. Für mich kommt allein Schuko in Frage, da es alle notwendigen Eigenschaften in sich vereint und zudem weite Verbreitung findet. Das brasilianische System NBR 14136 kann sich für den gesamten südamerikanischen Markt durchsetzen, doch der Weg dorthin ist lang.


Umfragen
Ist die Seite „Stromversorgung“ sachlich hilfreich?
Ist die Seite „Stromversorgung“ sprachlich gelungen?
NoteMengeMenge
0 0,0%
1 0,0%
2 0,0%
3 0,0%
4 0,0%
5 0,0%
6 0,0%
7 0,0%
8 0,0%
9 0,0%
10 100%

läuft seit dem 7.10.2012 (3 Jahre 6 Monate)

letzte Stimme am 8.2.2016 14:08 MEZ

3 Stimmen, Ø 10 Punkte, Ø 0,84 Stimmen/Jahr

NoteMengeMenge
0 0,0%
1 0,0%
2 0,0%
3 0,0%
4 0,0%
5 0,0%
6 0,0%
7 0,0%
8 0,0%
9 0,0%
10 100%

läuft seit dem 7.10.2012 (3 Jahre 6 Monate)

letzte Stimme am 8.2.2016 14:08 MEZ

3 Stimmen, Ø 10 Punkte, Ø 0,84 Stimmen/Jahr

0, gar nicht
3
6
9
10, absolut
0, gar nicht
3
6
9
10, absolut
Stö­rer stim­men bit­te mit 0 ab!

Ihr Kommentar

Es gibt noch keinen Kommentar zu dieser Seite. Seien Sie der erste Kommentator!

vionlink comments von vision impress webdesign

Wortwolke

passen schutzleiterfreie Stunde Gedanken wesentlicher Beschaffung hängt Installation Außenaufkleber verrostetes kindersicher hochgradig Waren Netzfrequenzschwankungen vorstellen allesamt lächerliche erfordert Eurocent niedriger Jahrzehnte Elektroinstallationsmaterial Kondensatoren weite ANDE Mindestmaßnahme definierte Korrektur genügen Verständnis beschäftigt gelegt Netzspannung Vorschaltgerät anzutreffen stunden verkehrten Verbreitung Etappen herausragender Elektriker dranbauen Werte zudem zweipoliger Lackierung Schukostecker Drehmoment Kontaktes angesetzt