Bildung und Kultur

Ich habe selbst eine angeblich deutsche Schule in Paraguay besucht und weiß daher im Gegensatz zu den immer wieder auftretenden Störversuchen von Oberschlauen recht gut, wie es um die Bildung in Paraguay bestellt ist. In dieser Schule war die Unterrichtssprache für Deutsch ebendieses, für die über 10 anderen Fächer Spanisch. Es schmerzt mich, nicht viel Gutes darüber sagen zu können. Selbst für den über das gesetzlich vorgeschriebene Maß von inzwischen 9 Jahren hinaus durchgeführten Schulbesuch von 12 Klassen ist der Kenntnisstand etwa mit dem eines besseren Hilfsschülers in Deutschland zu vergleichen.

Das ist unglaublich? Selbst Leute, die jeden Tag mit einfachen Additionen zu tun haben, also z.B. Händler, brauchen einen Taschenrechner, um 3.000.000 Gs. − 1.000.000 Gs. zu berechnen. Ein Brot und 250g Wurst zusammenzurechnen, liegt bereits jenseits dessen, wozu die Leute noch fähig sind! Auch, das Wechselgeld zu berechnen, scheitert regelmäßig. Entweder wird nur von der Kasse abgelesen oder es muß wieder ein Taschenrechner herhalten. Weder ist der überwiegende Teil der Paraguayer fähig, zu Lesen und zu Schreiben, noch halten sie es für notwendig, einen Brief aus Deutschland zu beantworten – es ist einfach nicht wichtig genug für sie. Die Alphabetisierungsquoten sind eigentlich nur beschönigende Optik, da bereits ein Mensch, der seinen Namen schreiben kann, nicht mehr dazuzählt.

In meinen zwei Jahren in Lambaré, wo ich eine Reparaturwerkstatt für die Fernsehtechnik betrieb, sahen mich die Kassiererinnen immer wie Sparschweine an, weil ich an der Supermarktkasse bereits wußte, was ich zu zahlen hatte. Zu Beginn fragten sie noch, wo ich den Taschenrechner versteckte. In Asu, wo ich meine Ersatzteile kaufte, erging es mir ebenso. Mir scheint, der Zahlenbegriff ist ein gänzlich fremder, denn nicht einmal überschläglich rechnen die Leute den Warenkorb zusammen.

Dies trifft naturgemäß nicht auf alle Paraguayer zu, leider aber auf einen sehr großen Anteil. Auch besteht ein starkes Bildungsgefälle von Stadt nach Land. Da wollen sie selbst grundlegende Funktionsweisen moderner Technologien verstehen? Sie wollen Mobiltelefon und Rechner bedienen, sich im Netz bewegen und Geschäfte darüber abwickeln, aber kennen den Unterschied nicht zwischen Bit und Byte, zwischen Watt und kWh, zwischen eBrief und SMS? Wer vom Ochsenkarren auf den Mercedes springt, braucht sich nicht wundern, wenn es am Nötigsten fehlt!

Ich bin nicht der erste und auch nicht der einzige Zuwanderer, der behauptet, man müsse bei der Bildung beginnen, wolle man Paraguay langfristig gesehen vorwärtsbringen. Wer den zumindest bis 2000 und seit wenigstens 25 Jahren bestehenden Lehrplan erstellt hat, war wohl Analphabet und gehört für seine vorsätzliche systemische Rückschrittlichkeit wegen Landesverrats nach Tacumbú (oder Schlimmeres)! Die Paraguayer sind keineswegs blöd, sondern gar sehr schlau! Ob sie auch so intelligent sind, kann man kaum beurteilen, da die gebildete Oberschicht keine repräsentative Menge ausmacht. Also: Bildung in die Schulen bringen!

Aus eben dieser Schule kam nun im September 2014 ein Goldmedaillengewinner der diesjährigen MathematikOlympiade: Nick Neukirchinger. Ich gratuliere! Ist er schlicht nur ein Ausnahmetalent oder hat sich die Schulbildung im allgemeinen in nicht einmal 14 Jahren drastisch gebessert? Ich wünschte, letzteres träfe zu.

Leider nun ergibt sich ein weiteres Problem, wenn man sich allein an der Bildung festmacht: Ohne moralische Werte ist selbst noch so gute Bildung nur die Fahrkarte zu Erzkapitalismus, Ausbeutung und Skrupellosigkeit. Ebenso ist Gerechtigkeit ohne Milde einfach nur menschenverachtend. Moralische Werte den Schulkindern zu vermitteln, ist ein wichtiger Schritt für eine bessere Zukunft. Dies darf aber nicht von der Schule ausgehen müssen, da es nicht deren Aufgabe ist. Dies müssen die Eltern leisten.

Wohl den Kindern, die in einem intakten Elternhaus aufwachsen und das Glück haben, Liebe und Geborgenheit (dadurch Selbstsicherheit) und moralische Werte mit einem Grundstock an Bildung zu erhalten. Erst hier sollte die Schule ansetzen müssen. Die Realität sieht anders aus. Das Ergebnis sehen wir in zerrütteten, kaputten Familien, in denen jeder nur an sich denkt und ethische Werte keine Rolle mehr spielen. Ja, diese werden sogar belächelt oder als Schwäche herabgewürdigt und entsprechend ausgenutzt. So sehen wir es im ach so fortschrittlichen Europa, aber auch in allen anderen Ländern der westlichen Welt.

Aufgrund der fehlenden Bildung – sowohl schulischer wie beruflicher – fehlt Verständnis für die elementaren Dinge auch der einfacheren Berufe! Der Bauarbeiter hat niemals etwas von der Hydratation im Mörtel gehört, der Wasserleitungsverleger (hier nutze ich schon nicht mehr „Wasserinstallateur“) kennt die BernoulliGleichung nicht, der Elektriker hat noch niemals etwas vom ohmschen Widerstand gehört, dem Bäcker und Metzger sind Hygienevorschriften fremd. Der Sinn eines Getriebes ist vielen Taxifahrern schleierhaft, aber wenn er lautes Bummbumm machen und fett abkassieren kann, ist er glücklich. Dieses Geld setzt er sogleich im nächstbesten copetin (einem TanteEmmaLaden mit Ausschank) in Äthanol um. Hausbesitzer lassen ihre Gebäude verrotten; viel weiter als nur, bis sie abstoßend schmuddelig aussehen. Das Schlimmste aber an all dem ist: die Leute sind mit ihrer Nichtbildung zufrieden! Sie kennen es nicht besser. Ihnen ist kein großer Vorwurf zu machen, sondern den Oberen, die das eigene Volk dummhalten!

Immerhin ist die pragmatische und sehr gemächliche Lebensart der Paraguayer zu einem gewissen Anteil der Hitze des Landes geschuldet. Wer versucht, im Alltag seinen deutschen Ordnungssinn oder beamtische Berechenbarkeit zu leben, wird übelst enttäuscht, verlacht und macht es schon aus gesundheitlichen Gründen nicht lange. Früher oder später kommt man dann schon drauf, besser die tranquilidad (innere Ruhe, Gemütlichkeit) der Paraguayer zu leben.

In letzter Zeit, also 2013, mehrten sich die Stimmen aus Paraguay, es sei schon lange nicht mehr so rückständig, wie ich es beschrieb. Leider konnten sie zur Stützung ihrer Behauptungen nur modernere Technik anführen, die es im Land zu kaufen gibt. Diese moderne Technik (die vielleicht gerade noch ein oder zwei Jahre der aus Mitteleuropa hinterherhinkt), hat aber nichts mit dem Bildungsstand zu tun! Wer so konsequent Äpfel mit Birnen vertauscht, verdient, nicht weiter beachtet zu werden!

Desaströses Bildungsniveau

28.11.2014 Auch, wenn es unhöflich ist – die paraguayische Bevölkerung braucht sich nicht wundern, wenn sich so manche zugezogenen Ausländer ziemlich geringschätzig zeigen und sich über den hiesigen Bildungsstand lustig machen. Ich kann auch nicht verstehen, wie man sich in seiner Allgemeinbildung nur so gehen lassen kann. Ein Land, dessen Bevölkerung in einem weltweit durchgeführten Bildungstest durch das Weltwirtschaftsforum (GCI des WEFs) 2013 den 138. von 148 Plätzen einnimmt, ist hierin wahrlich keine Zierde!

Paraguay sollte es sich zur Ehre anrechnen, wenn gutgebildete Ausländer ins Land kommen, damit dieses wenigstens etwas im Bildungsniveau nachzieht. Laut einer anderen jährlich durchgeführten Erhebung (der des HDIs) belegt Paraguay den 111. Platz von 187 Staaten. Das liegt zwar noch vor Bolivien oder Namibia, aber deutlich hinter Albanien oder gar China!

Der Entwicklungsbericht 20142015 bestätigt diese Einschätzung, indem er für Paraguay den 120. Platz von 144 Staaten angibt (s. S. 13). Im Vorjahr war es noch der 119. Platz von 148 Staaten. Die Haupthemmnisse für eine stärkere ausländische Investition sind Korruption, ineffiziente Bürokratie, schlecht ausgebildete Arbeitskräfte und eine schlecht ausgebaute Infrastruktur (s. S. 304).

Gerade das Erfindertum zeichnet heutzutage erfolgreiche Staaten aus. Paraguay belegt hier den 134. Platz und was die Verfügbarkeit von Wissenschaftlern und Ingenieuren angeht, den 142. Platz! Es gibt nur zwei Staaten, die eine noch schlechtere Verfügbarkeit aufweisen: Osttimor und Angola. Beide waren nach der portugiesischen Nelkenrevolution durch Bürgerkrieg oder Besetzung bis ins neue Jahrtausend gebeutelt (s. S. 305, Punkt 12.06, und S. 535).

Die Grundschulbildung belegt den 140. Platz, die Qualität des gesamten Bildungssystems den 139. und die Bildung in Naturwissenschaften den 138. Platz. Das öffentliche Vertrauen gegenüber Politikern und die juristische Unabhängigkeit werden beide mit dem 142. Platz als nicht gegeben dokumentiert. Selbst die Zuverlässigkeit der Polizei wird mit dem 141. Platz als desaströs angegeben.

Die Mentalität in Lateinamerika führt zu leergefegten Arbeitsmärkten, was echte Qualitätsausbildung anbelangt. Jeder Paraguayer, der ein paar Wochen oder vielleicht sogar Monate bei einem Lehrer oder Ausbilder in die Lehre ging, wird entweder einen Konkurrenzbetrieb aufbauen und seinen Meister mit halben Preisen vom Markt fegen oder aber vorzugsweise nach Europa abwandern. Fast überall auf der Welt kann er mehr verdienen als zuhause.

Das Bildungsministerium

29.11.2014 Nun hat sich kürzlich das Bildungsministerium Paraguays selbst öffentlich blamiert. Das Finanzministerium hat eine Prüfung der Ausgaben für 2013 durchgeführt und stieß auf eklatante Unregelmäßigkeiten. Im Rahmen des Projekts „Ein Rechner für jeden Lehrer“ sollten nämlich die Einkommensverhältnisse aller in Paraguay arbeitenden Lehrer überprüft werden, um die Höhe der Zuzahlungen festzulegen. Nichts ist an Prüfungen geschehen und alle Lehrer erhielten die Rechner gratis.

Da nun außerdem die Bildung unter Lehrern eine glatte Lachnummer ist, wußten die mit den Geräten nichts anzufangen. Einige wenige Lehrer nutzen den Rechner nun bestimmungsgemäß, manche findigen Bastler machten sich daraus eine Jukebox, andere zerlegten das Gerät und verkauften seine Einzelteile auf dem nächstbesten Schwarzmarkt und der Rest läßt die Geräte in der Ecke verstauben. Übrigens kamen von den 31.785 bestellten Geräten der Type Guru nur 31.083 an. Wer hat sich die 702 fehlenden Klapprechner geklemmt?

Verzeihung, Bildungsministerium, aber den Lacher habt Ihr Euch selbst zuzuschreiben! Zuerst prüfe ich doch, welchen Bildungsstand die Lehrer haben, schule sie im Gebrauch der Technik und sorge für eine adäquate Infrastruktur (Netzanbindung, Strom), um erst dann Klapprechner an die Leute auszugeben!

Übrigens wäre es sicherlich nicht schlecht gewesen, solche Geräte zu nehmen, mit denen man auch wirklich arbeiten kann. Warum fragt man nicht einen ITExperten (keinen Kaputtschlosser!), welcher Klapprechner für welche Anforderungen benötigt wird? Wurde überhaupt eine Bedarfsanalyse erstellt? Warum ein Gerät mit Windows, das teuer und proprietär ist und ein riesiges Sicherheitsleck darstellt? Gibt es einen ordentlichen Drucker im Sekretariat der Schule, damit sich der Lehrer die vorbereiteten Arbeitsbögen für seine Schüler ausdrucken kann?

Warum eigentlich wird nicht klipp und klar mitgeteilt, welche Aufgaben die Lehrer mit der Neuausstattung eines Klapprechners bewerkstelligen sollen? So, wie die Aktion ablief, zwingt sich mir der Eindruck auf, einer der Mitarbeiter im Bildungsministerium hat einen dicken Kumpel, der Rechner importiert. Um den Umsatz zu erhöhen, wird das steuerfinanzierte Projekt „Ein Rechner für jeden Lehrer“ ins Leben gerufen, dessen Sinn darin bestehen solle, die Lehrer an die moderne Technologie heranzuführen. Die Führung sollen sich die Leute selbst erarbeiten. Der Erlös aus den festgesetzten „Spezialpreisen“ wird geteilt.

Der Hase lief anders. Natürlich sind Lehrer nur Menschen und damit stinkfaul. Sich selbst etwas zu erarbeiten, lehnen sie ab, weil sie damit ja nicht sofort Geld verdienten. Folglich landen die Geräte in der Tonne oder auf dem Trödel. Was für eine Lachnummer in der Logistik des Bildungsministeriums und welch Schaden für den paraguayischen Steuerzahler entstanden ist! Wenn man nur 150,– VS$ als Kaufpreis der Geräte ansetzt, darf sich jeder selbst den angerichteten Schaden ausrechnen. Das wird ja wohl noch jeder schaffen!

7.12.2014 Vorgestern veröffentlichte Marta Lafuente vom Bildungsministerium (MEC) die Ergebnisse einer in ganz Lateinamerika durchgeführten Studie zum jeweils landesweiten Bildungsstand. Sie sind erschreckend! Nur 8% der Schüler erreichen ein akzeptables Ergebnis – und was in Paraguay „akzeptabel“ ist, kann man sich denken!

Geprüft wurden die Dritt und Sechstkläßler. Übrigens ist für meine deutschen Leser anzumerken, daß es in Paraguay sechs Klassen Grundschule gibt. Die Disziplinen Mathematik, Lesen und Schreiben (Orthographie, Sprachverständnis) und Naturwissenschaften wurden hierbei geprüft. Einbezogen in die Studie wurden 206 paraguayische von insgesamt 3065 lateinamerikanischen Schulen. Somit liegt Paraguay mit diesem Ergebnis für 2013 nochmals weit hinter dem von 2010, das noch etwa 30% an Schülern auswies, die die gestellten Mindestanforderungen erfüllten.

Wenn also inzwischen 92% der Grundschüler nicht einmal elementare Kenntnisse in den wichtigen Fächern besitzen, dokumentiert das eindrucksvoll, wie rückständig das Land noch immer (oder wieder!) ist. Nachzulesen ist dieses desaströse Ergebnis in der sogenannten TERCE.


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