Falsche Redewendungen

Die falsche Frage

Gerade in Foren sieht man immer wieder Konstrukte wie diese:

… stellt sich mir die Frage, warum das so ist?

Mit stellt sich mir die Frage machen wir eine Aussage. Eine solche ist keine Frage, wodurch am Satzende ein Punkt (oder Ausrufezeichen) zu folgen hat! Will der Fragesteller beim Fragezeichen bleiben, muß er den Text anpassen, etwa so:

… stellt sich mir die Frage: Warum ist das so?

Wo wir doch schon bei Logik sind: Die Frage hat er sich selbst gestellt und sich darüber im Forum nur ausgelassen. Niemand muß sich aufgefordert sehen, Hilfestellung zu bieten. Präzisieren wir also das Anliegen des Hilfesuchenden, kommen wir ganz einfach zu:

Das Problem ist so und so. Wo habe ich einen Fehler gemacht? Bitte helft mir!

Die falsche Höflichkeit

Eine leider sehr weit verbreitete Unsitte ist, in Fragen und Bitten den Konjunktiv statt den Imperativ zu nutzen, nur um nicht für unhöflich gehalten zu werden:

Würdest Du mir die Uhrzeit sagen?

Meine Antwort darauf: Ja! Weil dann aber keine Uhrzeit kommt (ich habe ja nur die Frage korrekt beantwortet), muß mein Gegenüber nachfragen. Leider benutzt er dann eine andere falsche Höflichkeitsform:

Weißt Du, wie spät es ist?

Ich sehe auf die Uhr und retourniere: Ja, sicher! Nun gut, was lernen wir daraus (außer, daß ich ein Ekel bin und mir innerlich den Buckel krummlache)? Die Leute stellen immer wieder die verkehrten Fragen; dabei könnten sie es doch so einfach haben:

Sag’ mir doch bitte, wie spät es ist!

Wer hätte gedacht, daß dies der Imperativ ist? Man darf ihn verwenden; ja, man soll ihn sogar anwenden! Dafür ist er schließlich da. Man kann es auch anders formulieren:

Wie spät ist es [bitte]?

Manche Leute erkennen das Problem mit der falschen Frage und formulieren um:

Ich wollte Sie gern fragen, ob mein Antrag bewilligt ist.

Aha. Jetzt will er also nicht mehr fragen. Was redet er dann noch? Selbst wenn er sich mit will oder möchte ausdrückt, haben wir eine Feststellung, eine Ankündigung, aber keine Frage! Ankündigungsminister haben wir schon genug im Land. Mir scheint, die Leute haben panische Angst vor dem Imperativ; dabei ist er sogar kürzer:

Sagen Sie mir bitte: Ist mein Antrag bewilligt?

Kurz und bündig – so schnell kann es gehen!

Die doppelte Möglichkeit

Es gibt Leute, die Eventualitäten verdoppeln – vielleicht, um die Vagheit anzudeuten.

Es kann möglich sein, daß …

Entweder ist etwas möglich oder es kann sein! Die beiden Formen zu kombinieren, bedeutet, theoretische, denkbare Möglichkeiten noch irrealer darzustellen. Unmögliches läßt sich somit vage verpacken, etwa:

Daß das Paket heute noch ankommt, kann möglich sein.

Da macht der Lieferant eine Aussage, die unmöglich zutreffen kann, denn die Ware ist noch nicht einmal in der Packabteilung angekommen, geschweige denn die Paketlaufzeit von wenigstens einem Tag berücksichtigt. Damit soll wohl nur der Kunde ruhiggestellt werden, um nicht vom Kauf abzuspringen.

Von diesem Fluid hoffen sie [die Wissenschaftler], daß es die Energieprobleme der Menschheit für immer lösen könnte. Quelle: ZDFDokumentation Abenteuer Wissen – Zähmung unterirdischer Kräfte

Was soll das? Wenn man hofft, ist das Fluid eine Lösungsmöglichkeit, nicht schon Realität. Dann aber relativiert das lösen könnte noch weiter, sodaß man von einer nur theoretischen Möglichkeit ohne praktische Umsetzbarkeit ausgehen muß. Warum verfolgen dann also die Wissenschaftler noch diese Idee? Selbstverständlich war löst oder lösen kann gemeint. Der hiermit zitierte Moderator Carsten Schwanke gehört (für meine Begriffe) zu denen, die zwar in recht geringem Maß sprachlich verunfallen, doch leider auch er erliegt der journalistischen Neigung, zu dramatisieren.

Die sonst so löbliche hohe Qualität der Dokureihe leidet damit unnötig. Für mich bleibt offen, ob die Ungenauigkeiten seiner Feder entspringen oder sie ihm nur vorgegeben werden. Schade ist es für Dokumentationen in jedem Fall, auch für populärwissenschaftlich gehaltene. Ich habe schon Aufzeichnungen ganzer Dokureihen gelöscht, weil sich Sprachverunfallung, reißerische Berichterstattung, sachliche Ungenauigkeiten, Unwahrheiten oder die Darstellung von Unerwiesenem als Fakten ein Stelldichein gaben.

Als und wie

Ich habe mehr Beeren gesammelt wie Du.

Autsch! Als und wie gehören zu den am öftesten miteinander verwechselten Wörtern bei Vergleichen. Bei solchen, die einen Unterschied anzeigen, benutzt man als; bei Gleichheit verwendet man wie. Weil die Unsicherheit so groß ist, welches nun das richtige Wort ist, verfallen die Leute der irrigen Annahme, damit sicherzugehen, wenn sie beide Wörter benutzen. Dies ist jedoch doppelt so häufig falsch – nämlich immer! Ein paar Beispiele sollen die richtige Verwendung klären:

Ich habe mehr Beeren gesammelt als Du.
Unsere Gruppe konnte dieselbe Punktzahl erreichen wie eure.
400ml Milch sind mehr als genug.
Sie machte genausowenige Fehler beim Diktat wie ihre Mitschülerin.

Der zweithöchste … nach

Wie unerhört wichtig Kommas (dazu an den richtigen Stellen) sein können, wissen wir nicht erst seit speziell darauf abzielenden Witzen.

Der K 2 liegt im Karakorum und ist nach dem Mount Everest der zweithöchste Gipfel der Erde. Quelle: http***www.hpoonline.de/themen/erde/geographie/achttausender.php

Aha, der zweithöchste Berg nach dem Everest. Demnach ist der K2 der dritthöchste. Welcher ist dann der zweithöchste? Der Passus nach dem Mount Everest hätte in Kommas – oder besser noch in Gedankenstriche – eingeschlossen werden müssen, um den K2 zum zweithöchsten Berg zu machen! Somit wäre der Passus ein klärender Einschub und nicht die Verdrängung des K2 um einen Platz.

Wieviele Mißverständnisse solcher falscher Aussagen wegen es wohl schon gab?

Sprachwirrwarr

Auch ist der Himalaya, der in Sanskrit „Wohnsitz des Schnees“ bedeutet, Quellgebiet von großen asiatischen Strömen. http***www.hpoonline.de/themen/erde/geographie/achttausender.php

Hä? Hier wurden wieder einmal Quelle und Ziel verwechselt. „Himalaya“ ist Sanskrit für „Wohnsitz des Schnees“. Letzteres ist die Übersetzung ins Deutsche, ausgehend vom SanskritWort „Himalaya“! Derlei Verwechslungen gibt es noch viel mehr. Wann hört dieser Unfug auf?

Herzlichen Glückwunsch!

Allenthalben, bei Geburtstagen, bei Namenstagen, zu Weihnachten, beim Rubbellosgewinn hört man das immer gleiche „Herzlichen Glückwunsch“. Was bedeutet das, welchen Sinn erfüllt es? Erst einmal nur, daß jemand einer anderen Person Glück wünscht. Diese muß es nötig haben. Wer beim Glücksspiel wie Bingo, Lotto, Rubbellos Glück hatte und einen Gewinn abstauben kann, braucht kein Glück mehr. Das dann einsetzende „Herzlichen Glückwunsch“ ist so schwachsinnig, wie einer bereits guten Köchin ein Kochbuch zu schenken. Vielleicht sollte man die Redewendung nicht mit „Herzliche Gratulation“ verwechseln!

Zudem: In den wenigsten Fällen kommen diese Glückwünsche tatsächlich von Herzen. Die Plattheit dieser kaputtgedroschenen Floskeln fällt selbst dem größten Deppen auf. Anstatt mit Prädikaten wie herzlich entsprechend sparsam zu sein, sodaß sie noch wirken, wird gern wie ein ertapptes Kind beteuert: Ja, auf jeden Fall! Ganz bestimmt meine ich das so. Und – das Ergebnis? Mit unserer Sprache verflachen auch unsere Empfindungen. Na dann: Herzlichen Glückwunsch!


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